Cusanus und der Islam
„… dass es besser ist, mit ihnen zu sprechen als gegeneinander Krieg zu führen.“ Nikolaus von Kues
Cusanus und der Islam
Neue Studie von Walter Andreas Euler und Tom Kerger
Nikolaus von Kues, lat. Cusanus (1401-1464), ist einer der bedeutendsten Denker des 15. Jahrhunderts, nicht mehr ganz der großen philosophischen Synthese des 13. Jahrhunderts verpflichtet, aber auch noch nicht der postcartesianischen metaphysischen Dekadenz verfallen. Zwischen den Zeitepochen ist er ein Denker der Verbindung, der Einheit in der Vielfalt, sowohl in philosophisch-theologischen Fragen, als auch in diplomatischen und kirchenpolitischen Bereichen.
Besondere Beachtung verdient seine Auseinandersetzung mit dem Islam, deren Grundansichten auch heute noch bedeutsam und hilfreich sind. Dies aufzuzeigen ist eines der Verdienste des von Walter Andreas Euler[1] und Tom Kerger[2] herausgegebenen Buches Cusanus und der Islam[3].
Anhand ihrer Forschungsergebnisse haben sich die Herausgeber zum Ziel gesetzt, „eine größere Öffentlichkeit seriös und allgemein verständlich über die wesentlichen Aspekte der cusanischen Islamtheologie“ zu informieren.
Unter Islamtheologie ist die denkerische Auseinandersetzung mit dem Islam zu verstehen, die Sinn und Bedeutung der islamischen Religion vom christlichen Glauben aus zu ergründen versucht.
Aus den Studien des vorliegenden Buches geht eindeutig hervor, dass das cusanische Urteil über den Islam in Wirklichkeit zwiespältig ist. Einerseits bemüht sich der Denker von Kues besonders in seiner Schrift „Über den Frieden im Glauben“ (De pace fidei) von 1453 darum, den Islam in sein Programm « Eine Religion in der Vielfalt der Riten » (una religio in rituum varietate) aufzunehmen. Andererseits zögert er nicht, besonders in seiner „Sichtung des Korans“ (Cribatio Alkorani) von 1460/61 die Person des Propheten Mohammed wie auch den Koran, das heilige Buch der Muslime, und deren Religion allgemein, kritisch bis negativ zu bewerten.
Neben den zwei erwähnten Schriften behandelt Cusanus den Islam auch in einigen seiner Predigten. Im vorliegenden Band geht Walter Andreas Euler besonders auf die Predigt CCXL ein, deren erster Teil hier erstmals nach einer Rohübersetzung von Alain Gillen ins Deutsche übertragen ist.
Ein anderes für die cusanische Islamtheologie und -hermeneutik bedeutendes Dokument ist der am 29. Dezember 1453 an Johannes von Segovia verfasste Brief, der hier ebenfalls erstmals ins Deutsche übersetzt und im Zusammenhang der Korrespondenz zwischen den beiden Theologen von Walter Andreas Euler und Franz-Bernhard Stammkötter erläutert ist.
Tom Kerger, der schon in seiner hervorragenden Doktorarbeit[4] auf die Islamtheologie des Cusaners in Verbindung mit andern theologischen Denkern aufmerksam gemacht hat, informiert hier vorerst einmal über die von Nikolaus von Kues benutzten Quellen zur Ausarbeitung seiner Gedanken über die islamische Religion.
Walter Andreas Euler stellt sodann das interreligiöse Gespräch De pace fidei vor, aus dem er charakteristische Auszüge kommentiert, um anschließend festzuhalten, dass Cusanus in dieser Schrift die antichristliche Seite des Islam weitgehend ausblendet. Erst später im Brief an Johannes von Segovia und in der Schrift Cribatio Alkorani wird er den gegen das Christentum gerichteten islamischen Gedanken mehr Aufmerksamkeit widmen. Immer aber legt Nikolaus von Kues um seine Islamtheologie zu betreiben christliche Maßstäbe an, was ihm kaum verübelt werden kann, da es nun einmal keine andere Maßstäbe gibt, wenn man als christlicher Theologe den anderen Religionen, insbesondere dem Islam begegnen will.
Walter Andreas Euler vergleicht mit der Schrift De pace fidei die Predigt CCXL, in der Cusanus aus seinem Glauben heraus die Eroberung Konstantinopels durch die Türken und die Rettung des Westens vor einer islamischen Vorherrschaft bedenkt. Dabei stellt er fest, dass Cusanus in der Predigt aufweist, wie das Kreuz Christi feststeht und nicht besiegt werden kann, im De pace fidei aber zu dem Schluss kommt, „dass die von den Türken ausgehenden Gräuel letztlich nur ein Beispiel für religiös motivierte Gewaltanwendung darstellen, die sich auch in anderen Religionen, das Christentum eingeschlossen, beobachten lässt“.
Im Beitrag zur Korrespondenz zwischen Johannes von Segovia und Nikolaus von Kues kommen die Positionen beider Denker deutlich zum Ausdruck. Johannes zeichnet ein negatives Bild vom Islam, der seinen Nachforschungen nach wegen fehlender Argumente die Wahrheit des Christentums verdreht. Auch ist für ihn der Islam eine zutiefst kriegerische Religion, und ein gesicherter Frieden scheint ihm nur möglich, wenn es keine Muslime mehr gibt. Das aber heißt nicht, dass sie im Kriege besiegt werden müssten. Johannes plädiert vielmehr für den anderen Weg, den Weg des Friedens und der Belehrung: per viam pacis et doctrinae. In diesem letzten Punkt stimmt Cusanus mit Johannes von Segovia überein, auch wenn er ein weit positiveres Bild vom Islam zu zeichnen versteht.
Was es mit der späteren Schrift „Sichtung des Korans“ auf sich hat, erläutert Tom Kerger, indem er deren Aufbau und Inhalt vorstellt, bevor er den in dieser Schrift geführten Dialog des Cusanus mit dem Islam genauer bewertet.
Beachtenswert ist, dass Cusanus sich die Mühe gegeben hat, den Koran in Übersetzung genau zu studieren. Ziel ist ihm dabei, auf die Wahrheit aufmerksam zu machen, die im Koran zu finden ist, um so besser die muslimischen Gläubigen zum christlichen Glauben führen zu können. Denn alle Koran-Studien haben diese Bekehrung zum Ziel, wollte doch auch Papst Pius II., dem die Cribatio Alkorani gewidmet ist, angesichts der erfolglosen Aufrufe zu erneuten Kreuzzügen einen Brief an den Eroberer von Konstantinopel Sultan Mehmed II. schreiben, um ihn einzuladen sich zum Christentum zu bekehren.
Überzeugt ist Nikolaus von Kues aber auch davon, dass im Koran nichts Wahres zu finden ist, das nicht auch schon im Evangelium stehe. Andererseits wenn der Koran zum Beispiel die Gottessohnschaft Christi ablegt, dann nur deshalb weil er die Bezeichnung „Gottessohn“ missversteht, für deren richtiges Verständnis Cusanus aber auch im Koran Elemente vorfindet.
Aus der eingehenden Auseinandersetzung mit der Cribatio hebt Tom Kerger vor allem zwei Prinzipien hervor: dank der pia interpretatio erkennt Cusanus im Koran bereits christliches Glaubensgut, auf das er dann seine manuductio aufbauen kann, also die spekulativ-rationale Weiter- und Hinführung zur vollen Wahrheit, die Cusanus seiner Überzeugung nach nur im christlichen Glauben findet.
Eine lateinisch-deutsche Konkordanz stellt Texte aus der Cribatio Alkorani so zusammen, dass der Leser leicht das wieder findet, was Cusanus in dieser Schrift über Mohammed, den Koran, die Muslime und den Islam allgemein behauptet.
Seinen Beitrag zur cusanischen „Sichtung des Korans“ beschließt Tom Kerger mit folgender Feststellung: „Dass sich Grenzen zeigen hinsichtlich der cusanischen Methode und Interpretation, die aus heutiger Sicht weniger annehmbar zu sein scheinen, darf nicht über den historischen und den aktuellen Wert seiner Bemühungen hinwegtäuschen.“ In den Studien des vorliegenden Cusanus-Buches ist die Richtigkeit dieser Feststellung ausführlich und überzeugend nachgewiesen.
P. Jean-Jacques Flammang SCJ
[1] Walter Andreas Euler, Dr. theol. habil., geboren 1962 in Spiegelau, ist Professor für Fundamentaltheologie und Ökumenische Theologie an der Theologischen Fakultät Trier, sowie Direktor des Instituts für Cusanus-Forschung an der Universität Trier und der Theologischen Fakultät Trier.
[2] Tom Kerger, Dr. theol., geboren 1974 in Luxemburg, ist Pfarrer der Erzdiözese Luxemburg und Professor für Fundamentaltheologie am Erzbischöflichen Priesterseminar und am Katechetischen Institut in Luxemburg.
[3] Walter Andreas Euler und Tom Kerger (Hrsg.) : Cusanus und der Islam, Trier, Paulinus Verlag, 2010, 154 Seiten, ISBN 978-3-7902-0228-1
[4] Tom Kerger : Pia interpretatio. Vier christliche Theologen im Gespräch mit dem Islam (Trierer Theologische Studien, Band 75), Trier, Paulinus Verlag, 2010, 557 Seiten. ISBN 978-3.7902-1230-3
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