Francisco de Vitoria
Zum Buch von Norbert Campagna [1]
Francisco de Vitoria – Leben und Werk
« Vielleicht leidet die Moderne an Krankheiten, die nur durch vormoderne Mittel kuriert werden können. » [2]
In letzter Zeit hat sich ein größeres Interesse für jene Denker entwickelt, die sich nicht ohne weiteres in eine Zeitepoche einordnen lassen. Schon modern oder noch mittelalterlich, vormodern, zwischen oder über den Zeiten ? Das Zögern um eine eindeutige Zuordnung hebt Elemente hervor, die problematisch waren, aber gerade deshalb Wesentliches zum Ausdruck bringen können.
Der spanische Theologe Francisco de Vitoria (1483 oder 1492 – 1546) ist ein solcher Denker zwischen den Zeitepochen, und der Luxemburger Philosoph Norbert Campagna [3] hat es verstanden in seinem neuen Buch dieses Denken zu Politik und Recht, zu Religion und Staat, zu Nationalität und Staaten übergreifende Gemeinschaften so darzustellen, dass es für unsere aktuellen politischen und menschenrechtlichen Fragestellungen andere Dimensionen eröffnen kann.
So ist das vorliegende Buch mit nur eine lehrreiche Einführung in das Wirken und Denken des spanischen Juristen und Theologen, sondern auch eine Auseinandersetzung mit Hauptthemen, die für die Zeit nach dem Mittelalter und vor der Moderne wichtig waren und die uns heute, in einer Zeit nach der Moderne und vor dem noch nicht zu beschreibenden Neuen ähnlich wichtig sein könnten, wo wir doch auch erneut nach Recht und Gerechtigkeit, nach weltlicher und religiöser Macht fragen, nach dem Stellenwert des Denkens für Politik und Gesellschaft, und besonders nach der Ausdeutung von Grundwerten, auf die sich eine Staatengemeinschaft einlassen kann und soll.
Francisco de Vitorias Sicht einer solidaren Weltgemeinschaft, die den nationalen Staaten vor- und übergeordnet ist, kann uns als Inspirationsquelle für eine notwendige Neugestaltung internationaler Verhältnisse dienen und ist letztlich eine Konkretisierung der Frage nach der Transzendenz. Denn, wie Norbert Campagna gleich zu Beginn seiner interessanten Studie festhält, geht es „genau genommen darum zu wissen, ob das Politische letzten Endes immer nur auf sich selbst verweist oder ob es über sich selbst hinausweist auf etwas, durch das es gebunden ist“.
Dieses transzendente Etwas zu benennen und den Umgang mit ihm zu beschreiben, war Francisco de Vitoria ein wesentliches Anliegen, das bei den nach ihm kommenden modernen politischen Denkern nicht mehr so vorzufinden ist.
Ob es eine Wahrheit gibt, die alle Völker anerkennen sollten, bleibt auch für uns heute eine Frage, deren positive Antwort mitbedenken muss, welche Macht dann im Namen dieser Wahrheit Entscheidungen treffen darf, um den Weltfrieden zu fördern und einen möglichen Welt-Bürgerkrieg zu verhindern.
Die Beschäftigung mit Francisco de Vitorias Denken könnte, Jahrhunderte überspringend, für unsere Zeit Heilmittel finden, welche die Moderne von ihren eignen Grundlagen aus nicht zu erarbeiten imstande ist.
Norbert Campagna bezieht sich auf vier wichtige Ereignisse, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Europa den Weg in die Moderne bahnten, und mit denen er dem Leser einen Verständnishorizont für das politische, naturrechtliche und theologische Denken von Francisco de Vitoria eröffnet.
Da ist zuerst ab 1492 die Eroberung Amerikas, welche Europa in Verbindung mit einer neuen Welt setzt, die besonders den Umgang mit den Indios zu bedenken hat. Dann ist ab 1520 der Bruch Luthers mit Rom geschehen, der die Fragen um politische und religiöse Autorität neu und anders stellt. Zwei weitere tiefgreifende Ereignisse für den Gang der Geschichte ist die Erscheinung zweier Bücher. 1532 veröffentlicht der Florentinische Politiker und Diplomat Niccolò Macchiavelli sein epochemachendes Büchlein Il Principe, das Francisco de Vitoria wahrscheinlich nicht gelesen hat, von dessen Thesen zur Autonomie des Politischen gegenüber dem Religiösen er sich aber klar absetzt. 1543 erscheint dann das Traktat De revolutionibus orbium coelestium des polnischen Kanonikers und Astronomen Nikolaus Kopernikus, zu dessen neuer Welt(all)sicht der spanische Theologe, kein Naturwissenschaftler, sich nicht explizit äußert.
Als Francisco de Vitoria, nach seiner Lehrtätigkeit in Paris und Valladolid 1523 den höchsten theologischen Lehrstuhl der Universität Salamanca betritt, behandelt er anhand der von ihm als Lehrbuch eingeführten Summa theologiae des Thomas von Aquin moralisch-rechtliche Fragen und hat jedes Jahr eine öffentliche Relectio, eine Art Vortrag für Studenten und Professoren der ganzen Universität zu halten über ein von ihm gewähltes Thema. 1528 behandelt er die „weltliche Gewalt“, die anders als die private Gewalt ein nicht direkt theologisches Thema ist.
Dass Gott über die Menschen Macht hat, die er stets zu ihrem Besten ausübt, ist für das christliche Menschenbild eine Selbstverständlichkeit. Weniger selbstverständlich dagegen ist, dass die Menschen, die von Gott frei erschaffen wurden, übereinander Macht ausüben. War die naturrechtliche Gleichheit aller Menschen, zu mindestens im Hinblick auf die politische Gewalt allgemeines Gedankengut sowohl der Stoiker als auch der Christen, so musste die reelle Ungleichheit, die es nun einmal in Wirklichkeit gibt, irgendwie erklärt oder gerechtfertigt werden. Für die christliche Lehre war die Sünde der Ausgangspunkt dieser Ungleichheit, und die irdische Zwangsgewalt hatte als einziges Ziel, die sündigen Menschen davon abzuhalten gegen das göttliche und das natürliche Recht zu verstoßen. Da öffentliche Gewalt also erst durch die Sünde notwendig geworden ist, wäre der Staat, nicht Gottes, sondern des Teufels Produkt, und somit als notwendiges Übel anzusehen.
Ausgehend von der aristotelisch-thomistischen Anthropologie, die den Menschen als gesellschaftliches Wesen versteht, das sich nur im Rahmen einer Gemeinschaft verwirklichen kann, zeigt Francisco de Vitoria, dass die Menschen einander brauchen, um bedeutende Tugenden wie Gerechtigkeit und Freundschaft auszuüben. Gemeinschaft kann also nichts Schlechtes sein, und Zwangsgewalt ist deshalb auch kein notwendiges Übel, sondern eine mit der menschlichen Natur vereinbare Instanz.
Wirkursache öffentlich weltlicher Gewalt ist somit Gott selber, der sie mit der Natur des Menschen erschaffen hat, und nicht ein Vertrag positiven Rechts, so wie es Epikur und ein Jahrhundert nach Francisco de Vitoria erneut Thomas Hobbes sehen wollten. Da politische Autorität zu den Funktionsbedingungen der Gemeinschaft gehört und die Gemeinschaft Verwirklichungsbedingung der menschlichen Natur ist, kann politische Autorität nicht erst durch Verträge konstituiert werden. Und da für Francisco de Vitoria die Zweckursachen erst erlauben, ein Phänomen angemessen zu verstehen, stellt er sich entschieden gegen die modernen materialistischen Philosophen, die alles auf materielle Notwendigkeit zurückführen wollen. Für ihn gibt nicht das Wie der Entstehung, sondern ihr Warum tieferes Verständnis.
Mit dieser allgemeinen Einstellung beantwortet Francisco de Vitoria zahlreiche menschenrechtliche Fragen, auf die Norbert Campagna eingeht und deren Beantwortung er für den Leser fachgerecht in ihrer inneren Logik darstellt.
So zum Beispiel Fragen zu der Begegnung mit dem neuen Kontinent Amerika, auf die Francisco von Vitoria in seinen beiden Schriften De Indis und De jure belli eingeht. Hat Spanien sicherlich das Recht, neue Kontinente zu erobern, so darf es aber keine unchristliche Kolonisierungspolitik betreiben. Christlich hat die Kolonisierung vom Ziel her zu sein, das kein anderes ist als die Bekehrung der Indios zum Christentum. Aber auch die Mittel müssen mit dem Ziel übereinstimmen: die Bedingungen der Möglichkeit weiterer Bekehrungen der Herzen darf nicht durch unmenschliche Mittel aufs Spiel gesetzt werden. So zeigt sich Francisco de Vitoria skandalisiert darüber, wie die conquistadores die Indios oft auf unmenschliche und menschenunwürdige Weise behandeln. Mit den der damaligen Universität zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützt er Las Casas in seiner Verteidigung der Indios und beweist, dass Indianer nicht von Natur aus Sklaven sind, und dass sie also auch nicht wie Sklaven behandelt werden dürfen. Wenn sie intellektuell rückständig wären, wie es aus Berichten hervorgehen könnte, dann müssten die intellektuell fortgeschritteneren Menschen sich ihrer annehmen, um sie zu leiten, „wobei diese Leitung das Gut der Geleiteten und nicht das der Leiter zum Ziel haben sollte“.
Norbert Campagna geht auf die zahlreichen Argumentationen ein, die Francisco de Vitoria aufstellt, um die illegitimen und legitimen Titel der Spanier zu erweisen und ihre Kolonisierungspolitik human und der christlichen Lehre entsprechend zu gestalten. Dabei wird das Rechtsdenken des großen Spaniers deutlich, der Philosophie und Theologie gebraucht, um Ungerechtigkeiten zu entlarven und wenn möglich zu verhindern. Ein Beispiel: Auf die Frage, ob man die Kinder von Ungläubigen gegen den Willen ihrer Eltern taufen darf, hatte Dun Scotus geantwortet: nur wenn keine Gefahr eines scandalum besteht. Francisco de Vitoria folgt dieser Lehre, bemerkt dann aber sofort, dass nur in ganz seltenen Fällen kein scandalum entsteht und hält deshalb fest: „da eine allgemeine Regel die seltenen Fälle ignorieren sollte, sollte man nie Kinder gegen den Willen ihrer ungläubigen Eltern taufen“.
Was den protestantischen Bruch mit Rom betrifft, behauptet der Theologe Francisco de Vitoria gegen Luther und gegen die Konziliaristen, die das Konzil als höchste Autorität anerkennen wollen, dass allein der Papst an der Spitze der Kirche steht. Aber seiner Lehre nach können Theologen der päpstlichen Autorität Grenzen setzen, da die höchste Autorität auf Erden weder der Kaiser, noch der Papst ist, sondern der Theologe, der die Wahrheit besitzt, „nach der sich alle Autoritäten auf Erden orientieren sollen, wenn sie ihr Seelenheil im Jenseits gesichert haben wollen“. Hier nimmt Francisco de Vitoria die sonderbare Stellung ein, die Autorität in Verbindung zur Wahrheit zu bewerten und so dem „wahren“ Theologen eine außergewöhnlich wichtige Rolle im kirchlichen und politischen Leben zu zugestehen. Denn über dem Kaiser und dem Papst steht Gott, und ihm zu dienen ist die erste aller Prioritäten.
Manch Wesentliches über Recht und Wahrheit gibt die Beschäftigung mit Francisco de Vitoria zu bedenken, und ohne direkt zur heutigen Lage Stellung zu beziehen, hat Norbert Campagna es doch verstanden, seine Fragen so zu wiederholen, dass sie uns zum Weiterdenken anleiten über Gerechtigkeit und internationale Beziehungen, über religiöse und weltliche Macht und darüber, wer denn bestimmt, ob es eine transzendente Ordnung gibt, an die sich alle Staaten halten müssen. Mit seiner „Einführung“ hat es Norbert Campagna gut verstanden, uns das Anliegen von Francisco de Vitoria nahe zubringen: die Politik stets an die „über sie selbst hinausweisende Normativität“ zu erinnern.
P. Jean-Jacques Flammang SCJ
[1] Norbert Campagna : Francisco de Vitoria : Leben und Werk. Zur Kompetenz der Theologie in politischen und juridischen Fragen, Wien-Berlin, Lit Verlag, 2010, 238 Seiten. ISBN : 978-3643-90052-4.
[2] cf. S. 11. Norbert Campagna bemerkt richtig in seiner Einleitung : « Wichtiger als die Frage, ob Vitorias Denken noch im Mittelalter fußt oder ob der Schritt zur Moderne schon erfolgt ist, ist die Frage, was Francisco de Vitoria uns noch zu sagen hat. »Er schreibt dann etwas später den von uns als Titel gewählten Satz.
[3] Prof. Dr. Norbert Campagna lehrt an der Universität Luxemburg. Er hat 19 Bücher zur Staats- und Rechtsphilosophie und zur Ethik veröffentlicht, sowie an die 100 Aufsätze zu diesen Themenbereichen. Anderes rezentes Buch : Alfarabi – Denker zwischen Orient und Okzident. Eine Einführung in seine politische Philosophie, Berlin, Parodos Verlag, 2010, 212 Seiten. ISBN : 978-3938- 88036-4.
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